Das Archiv

Willkommen bei Destination Pop Interviews. Oben könnt ihr eine Reihe von Gesprächen anklicken, die ich erst als Fanzine-Schreiber, später dann als freier Mitarbeiter des Berliner Stadtmagazins „Tip“ führte. Auch wenn mein erstes englischsprachiges Interview bereits 1989 mit Stan Ridgway stattfand, habe ich mich für dieses Blog auf die 20 Jahre von 1990 bis 2009 beschränkt.

In den vergangenen Monaten wurde Destination Pop Interviews zunächst als Blog geführt, doch von nun an wird es vor allen Dingen als Archiv fungieren. Unter der im Impressum genannten E-Mail-Adresse bin ich aber natürlich weiterhin erreichbar. Ansonsten hoffentlich noch viel Vergnügen auf dieser Seite.

Gilbert Blecken

Nachtrag: Inzwischen gibt es hier auch eine Seite nur für die Fotos.

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Placebo

Gerade einmal fünf Interviews aus der Zeit zwischen 1995 und 2004 standen mir für diese Seite zur Verfügung, was leider daran lag, dass ich in diesen Jahren entweder komplett pausierte oder mich auf kurze Fotosessions beschränkte. Besonders spannend waren diese Fototermine übrigens fast nie, und auch mit Placebo wechselte ich während des kurzen Treffens kaum mehr als drei oder vier Sätze. Zumindest ein paar Bilder aus dem Jahr 1997 sollen hier aber trotzdem zu Ehren kommen, ungefähr zehn Jahre nach ihrer Internet-Premiere. Damals, im Jahr 2000, meldete ich mich genau dafür in einem englischsprachigen Placebo-Forum an, und lud meine Bilder ganz arglos für die zahlreichen Fans dort hoch. Es kam, was kommen musste, plötzlich sah ich mich mit diversen Fragen konfrontiert: „Du hast Brian wirklich persönlich getroffen?“, „War es seine Idee, sich auf die Couch zu legen?“, um nur mal ein paar zu nennen. Nachdem ich wiederholt versicherte, dass mein Treffen mit Placebo noch nicht einmal zehn Minuten dauerte und es wirklich nicht viel zu erzählen gäbe, verabschiedete ich mich dann bereits wieder. Was natürlich zu noch größeren Spekulationen führte. Eine Schreiberin meinte gar: „War das eben eventuell Brian? Er hatte es jedenfalls ziemlich eilig, von hier zu verschwinden.“

Strawberry Switchblade

Im Juni 1989 ging es endlich los, ich brachte ziemlich aufgeregt mein erstes Interview auf Englisch hinter mich. Nur wenige Monate später folgte dann bereits einer der größten Höhepunkte meiner Fanzine-Karriere, denn ich traf die Band, die mein Lieblingsalbum der 80er aufgenommen hatte. Aber der Reihe nach: Ende 1989 hatten sich Strawberry Switchblade natürlich längst aufgelöst, und ich war zunächst nur auf der Suche nach einem möglichst exklusiven Foto für mein erstes Fanzine. Das brachte mich nach einigen Tagen dazu, David Balfe, den ehemaligen Manager der Band, in London anzurufen. Auch er fand zunächst keine Bilder, meinte aber, ich solle mich ein paar Stunden später noch einmal melden. Als ich das tat, hatte er bereits Kontakt mit Jill Bryson aufgenommen und die Erlaubnis erhalten, ihre Nummer an mich weiterzuleiten. Meine große Chance vor Augen, schlug ich vor, die Fotos persönlich in London abzuholen und bei der Gelegenheit gleich noch ein Interview zu machen. Balfe zeigte viel Verständnis für meine Pläne, und rückte nun auch die Telefonnummer von Rose McDowalls Nachbarin raus. Ungewöhnlich engagiert also für einen Manager, und dass Blur diesen freundlichen Mann sechs Jahre später auf „Country House“ mächtig durch den Kakao zogen, ist mir selbst heute noch ein Rätsel.

Zwei Wochen später war es dann soweit, ich flog zum ersten Mal nach London. Mit Rose sollte ich mich damals in ihrer Wohnung in Highgate treffen, doch als ich an ihrer Tür klingelte, war niemand zuhause. Zumindest ihre Nachbarin konnte ich aber ausfindig machen, und diese gab mir die Adresse von Roses Freund, der in der Isle of Dogs wohnte. Nach einer ca. dreistündigen Irrfahrt durch London erreichte ich am Abend schließlich das Viertel, das seinen Namen nicht umsonst trug. Die Wohnung ihres Freundes lag in einem bedrohlich wirkenden Hochhausblock, und als ich schließlich die Klingel betätigte, öffnete mir ein asiatisch aussehender Mann um die 30. Zuerst wollte er mich gar nicht hinein lassen, und dass ich einfach an seiner Tür klingelte, empfand er ungeachtet der Vorgeschichte als unhöflich. Mein Argument, dass ich seit zwei Wochen mit Rose verabredet war, konnte oder wollte er nicht verstehen. Erst nach einigen Minuten Zwiegespräch durfte ich dann doch noch eintreten. Die Wohnung war ziemlich dunkel, einige seltsame Gegenstände standen herum, und wenn ich damals schon etwas von Rose McDowalls Beziehung zum Okkultismus geahnt hätte, wäre mir wohl etwas unwohl gewesen. Als sie in den Raum kam, fragte ich natürlich gleich, warum sie unserer Verabredung ferngeblieben war, ihre Antwort habe ich aber inzwischen leider vergessen. Danach stellte ich dann meine ganze Sensibilität unter Beweis, als ich meinte, es sei ein unheimlicher Gewinn für mich gewesen, auch mal eine so schäbige Gegend von London gesehen zu haben, bei einer dieser üblichen Stadtrundfahrten wäre einem das doch bestimmt vorenthalten worden. Mittlerweile war es schon spät geworden, und wir waren uns beide einig, dass das Interview erst zwei Tage später stattfinden sollte.

Am nächsten Nachmittag traf ich dann erst einmal Jill und ihren Freund an einer U-Bahn-Station in Islington. Wir fuhren nach einem kleinen Spaziergang zu Jills Ex-Freund, der Mitte der 80er so etwas wie der Bandfotograf von Strawberry Switchblade war. Bei dieser Gelegenheit ließ ich mir dann tonnenweise alte Fotos zeigen und durfte sogar einige mitnehmen. Natürlich hätte ich Rose und Jill auch gern gemeinsam interviewt, doch damals sprachen die beiden einige Jahre kein Wort mehr miteinander. Ein wenig rätselte ich sogar, was sie früher einmal gemeinsam hatten, waren sie doch von ihrer Art her vollkommen unterschiedlich: Rose ziemlich eigenwillig, Jill eher verbindlich. Einen Tag danach klingelte ich dann wieder an Roses Haustür. Zumindest die zweite Verabredung hatte sie sich merken können und wir setzten uns zum Interview in die Grünanlagen hinter ihrem Wohnblock, in denen auch die Fotos entstanden. Auf eine Veröffentlichung dieses Interviews habe ich hier dennoch verzichtet, denn viel Substanz hatten meine Fragen damals noch nicht. Doch wenn ich mal ganz ehrlich sein darf, dann ging es mir im Alter von 20 Jahren auch nicht um großen Journalismus, sondern schlicht darum, Strawberry Switchblade kennenzulernen.

Die Anfänge

Wer sich schon mal in chronologischer Reihenfolge durch meine Interviews geklickt hat, wird sicher bemerkt haben, dass die Auflistung genau mit dem Jahr 1990 beginnt. Tatsächlich führte ich mein erstes Interview aber bereits als 17-Jähriger im Jahr 1987. Damals war ich großer Fan der Berliner Band Foyer des Arts, die aus Max Goldt und Gerd Pasemann bestand. Aus heutiger Sicht ist es ziemlich unfassbar, wie leicht man damals noch mit Prominenten in Kontakt treten konnte, denn Ersterer stand unter seinem richtigen Namen Matthias Ernst ganz normal im Telefonbuch (übrigens hätte man auch einen gewissen Ralph Möbius aus der Waldemarstraße ohne weiteres anrufen können).

Zusammen mit einer Mitschülerin besuchte ich das Duo schließlich kurz nach meiner Kontaktaufnahme in Goldts Wohnung am Bundesratufer. Beide Musiker verhielten sich hochanständig und antworteten geduldig auf alles, was wir wissen wollten. Selbstverständlich hatten wir auch ein paar politische Fragen in petto und beim Thema Volkszählung wurde es dann sogar richtig schön kontrovers. Während sich Pasemann offen staatsfeindlich gab, schien seinem Kollegen das Thema eher egal zu sein: „Also ich werde den Volkszähler erst einmal freundlich hereinbitten, der hat bestimmt schon genug Ärger hier im Haus“, meinte Goldt jedenfalls betont abgeklärt.

Auch wenn das Gespräch sehr harmonisch verlief, folgte danach erst einmal eine Interview-Pause von etwa zwei Jahren. Interesse an anderen deutschen Bands hatte ich damals nicht, und an die internationalen traute ich mich noch nicht heran. Nun ja, das stimmt nicht ganz, doch beschränkten sich meine Annäherungen auf ein paar Autogramme, die ich mir von Marc Almond, The Blow Monkeys, The Jesus and Mary Chain und Voice Of The Beehive holte. Ansonsten war ich in den Jahren 1987 bis 1989 in erster Linie Konzertgänger, und wie der Zufall manchmal so spielt, traf ich nach einem dieser Konzerte ein zweites Mal auf Max Goldt. Eine Tatsache, die mich übrigens bis heute verfolgt, denn der mittlerweile ziemlich bekannte Autor erwähnte jene Begegnung in einer kleinen Berliner Zeitschrift, die ihre alten Ausgaben vor einigen Jahren komplett online gestellt hat. Was Goldt 1987 genau schrieb? Na gut, es muss wohl sein: „Hinterher im Swing traf ich einen Gilbert Blecken von einer Steglitzer Schülerzeitung, der allgemeines Geschmunzel auslöste, als er auf die Frage nach seinem Alter mit ‚Ich geh jetzt in die Elfte‘ antwortete.“