58 Je Suis Animal

2009

Manche Bands sind so unbekannt, dass sich die Vorzeichen zwischen Musiker und Schreiber schon mal verschieben können. Elin Grimstad und Anthony Barratt erklärten mir jedenfalls mit ehrlicher Begeisterung, wie toll sie es fänden, dass in Berlin tatsächlich jemand ein Interview mit ihnen führen wolle. Da freut man sich doch glatt mit.

Die langweiligste und naheliegendste Frage gleich zu Anfang: Wo kommt euer Name her?

Elin: Im Grunde ist das nur ein kleines Wortspiel.

Anthony: Wir wollten einfach unsere französischen Popeinflüsse aus den 60ern mit einem möglichst primitiven Wort kombinieren.

„The Mystery Of Marie Roget“ wurde von einem eher dunklen Buch inspiriert, ist bei euch aber zu einem luftigen Popsong geworden.

Elin: Mit Absicht, denn ich mag den Widerspruch daran. In der Kunst ist doch vieles ungemein komplex, und deshalb wollte auch ich hier unterschiedliche Seiten einfangen. Auch bei Filmen mag ich sowohl das Naive als auch das Komplexe. Gut möglich, dass ich mir an einem Tag hintereinander erst Pippi Langstrumpf und danach „Das Siebte Siegel“ von Ingmar Bergman anschaue.

Das Cover eures Albums hat ebenfalls einen ziemlich kindlichen Charme.

Elin: Ich würde das als Lebenseinstellung bezeichnen. Für mich gibt es keine so klare Abgrenzung vom Kindes- zum Erwachsenenalter. Man kann sich doch eigentlich sein ganzes Leben lang so etwas wie eine kindliche Sichtweise auf die Dinge bewahren, und sollte davor auch keine Angst haben. Was natürlich nicht heißen soll, dass man einen Freibrief hätte, sich verantwortungslos zu verhalten. Es geht einfach nur um Neugier und darum, niemals zu stagnieren.

Hattet ihr denn eine schöne Kindheit?

Elin: Ich auf jeden Fall. Ich bin ich ja auf einer kleinen Insel an der Nordwestküste Norwegens aufgewachsen, dort gab es noch richtig wilde Natur.

Das klingt fast nach einem Hippieleben.

Elin: Nein, das nicht, dazu waren meine Eltern dann doch zu streng. Trotzdem reichte mir mein Freiraum, ich ging ja noch nicht einmal in den Kindergarten. Aber um noch mal auf das Cover zu kommen: Der Maler ist ja bekannt dafür, dass er in seinen Bildern Tieren menschliche Eigenschaften gibt, und bei uns sollte auch noch der Gedanke mit dazu kommen, was passiert, wenn Zauberei mal komplett schief läuft. Eine Vorstellung, die einem ganz schön Angst machen kann.

Du scheinst dich ziemlich stark mit dem Thema zu beschäftigen. Gibt es da vielleicht sogar einen familiären Hintergrund?

Elin: Ja, einer meiner Vorfahren aus dem 17. Jahrhundert hat nicht nur einige Skulpturen für die Kirche geschnitzt, sondern galt tatsächlich auch als Zauberer. Er war im Grunde der einzige Künstler in meiner Familie, sonst gab es bei uns fast nur Bauern und Fischer.

Kommen wir mal zur Musik. Ihr werdet ja gerne mit dem Begriff Shoegazing in Verbindung gebracht, aber die Beschreibung wird euch nicht so ganz gerecht, oder?

Elin: Das will ich doch schwer hoffen, denn ich selber höre mir diese Musik fast nie an.

Anthony: Wenn überhaupt, kann man uns höchstens mit My Bloody Valentine begeistern, aber bestimmt nicht mit Bands wie Chapterhouse oder Ride.

Könnt ihr denn wenigstens Lush etwas abgewinnen?

Anthony: Okay, Lush sind eine weitere Ausnahme.

Elin: Sehe ich genauso. Und die Cocteau Twins mag ich natürlich ebenfalls, aber auch die gehören nicht zu unseren Haupteinflüssen. Dann schon eher die C86-Szene um die Shop Assistants oder ganz allgemein die Popmusik der 60er.

Anthony: Wobei mir auch elektronische Musik sehr wichtig ist, das reicht von The United States Of America bis zu Broadcast.

Euer Album ist ja nun schon ein Jahr alt. Betrachtet ihr es nach wie vor als gültige Visitenkarte für euren Sound?

Anthony: Ja, weil wir die ganz experimentellen Sachen im Grunde längst hinter uns haben. Die Sessions für das Album waren teilweise schon fast etwas zu abgedreht, wir mussten uns irgendwann wieder daran erinnern, dass wir doch eigentlich vor allem Indiepop mögen.

Wurde die Platte tatsächlich in einem Studio mitten im Wald aufgenommen?

Anthony: Ja, und wir hatten in diesen sieben Tagen einen ganz festgelegten Tagesablauf. Die Aufnahmen fingen pünktlich um 9 Uhr an und dauerten bis zum Abend. Wir hatten nicht einmal die Zeit, uns zu duschen, mal ganz davon abgesehen, dass es dort ohnehin keine Möglichkeit dazu gab.

Ist es gut, dass ihr in Norwegen so weit weg vom Schuss seid oder habt ihr das Gefühl, zu früh an eure Grenzen zu stoßen?

Elin: Nein, im Gegenteil. Wir haben viel mehr Zeit für die Musik, während wir in London wahrscheinlich täglich ums Überleben kämpfen müssten. Wir haben ja nun auch wirklich nicht so große Ansprüche. Wenn wir ein paar Platten machen und nette Leute treffen können, dann reicht uns das vollkommen aus. Wir werden es sicher nie zu wirklich großer Bekanntheit bringen.

Anthony: Dafür sind wir inzwischen wohl auch einfach zu alt.

Elin: Und vor allem nicht mehr so naiv. Trotzdem finde ich es genau richtig, wie es momentan läuft. Ich habe auch das Gefühl, dass kleinere Bands heute ganz allgemein wieder viel näher an ihren Fans dran sind als noch in den 90ern, und das finde ich auch besser so.

Etwas schade ist ja, dass es euer Album nicht auf Vinyl gibt.

Anthony: Der Meinung kann ich mich nur anschließen. Wir hatten vor kurzem noch einmal etwas Hoffnung, als die Platte einen deutschen Vertrieb fand, aber letztendlich war es wohl finanziell nicht möglich.

Elin: Ich kaufe ja selbst grundsätzlich Vinyl, deshalb stört mich das schon ein wenig. Andererseits waren wir so froh, überhaupt ein Label gefunden zu haben, dass wir nicht noch Forderungen stellen wollten.

Zum Schluss noch eine nicht ganz ernst gemeinte Frage: Beim Eurovision Song Contest war in den letzten Jahren von Electropop bis Heavy Metal fast jede Stilrichtung vertreten. Eine Band wie euch gab es dort aber bisher noch nie. Würdest ihr das gerne ändern?

Elin: Ich schon.

Anthony: Ohne mich. Es gab vor kurzem mal eine norwegische Band namens Surferosa, die ein wenig nach Blondie klang und dort schon in der Vorrunde ausschied. Karriere vorbei, würde ich mal sagen.

Elin: Ich bin dagegen ein großer Fan des Eurovision Song Contest, und besitze sogar „Ein bißchen Frieden“ auf Platte. Vor einigen Jahren wurde mir die Veranstaltung etwas zu seriös, doch seit der Kitsch zurückgekommen ist, schaue ich sie mir wieder sehr gerne an. Aber natürlich ist mir auch klar, dass unsere Band da nicht hingehört.